Eine Essener Oma berichtet

Eine Essener Oma berichtet

Erfurt, 4. Juli 2026

Ich werde wach und sehe eine Autobahn voller Busse, unzählig viele Busse, morgens 4.30 Uhr kurz vor Erfurt. Und dann biegen sie alle ab und wir fahren weiter. Die weit über 10.000 Widersetzen Aktivisten werden zu Fuß über die A7, über Felder und durch Pfefferspraynebel der Polizei zu ihren Blockadezielen gelangen und die Zufahrten nach Erfurt erfolgreich den Tag lang blockieren, unser Bus wird kurz vor Erfurt von der Polizei angehalten und wir müssen, ohne weitere Schikanen, ebenfalls zu Fuß zu unserem Demostart am Hauptbahnhof gehen.

Um 6 Uhr morgens zieht eine Demonstration von mehreren Tausend Menschen Richtung Erfurter Messe, viele Gewerkschafter*Innen, wenige Omas, sehr viele junge Leute. Am Anfang der Gothaer Straße, auf der letzen großen Kreuzung vor der Messe ist eine Versammlung mit Kundgebung mit ca 15 Menschen angemeldet, tatsächlich ist die Kreuzung voller Leute, die sich dort in Gruppen niedergelassen haben, sie frühstücken, hören Musik und Wortbeiträge vom offenen Mikrofon. Zusammenstehen!

Alle sind sich einig: Diese Partei, die dort in der Messe ihren Bundesparteitag abhalten will, sollte verboten werden, denn sie ist undemokratisch, faschistisch und nationalistisch. Eine nicht zulässige Partei sollte keine Parteitage abhalten können. Uns alle treibt die Sorge um unser Land und unsere Demokratie.

50000 Menschen werden wir letztendlich heute sein und wir sind friedlich, auch wenn die Polizei Gründe sucht, draufzuhauen – was viele viele andere Demonstrant*innen friedlich verhindern. Die Presse, die im Vorfeld von Straßenschlachten und brennenden Barrikaden orakelte, wird die 10 festgeklebten Personen auf den Staßenbahnschienen ganz besonders ins Blickfeld rücken. Vielleicht wären die provozierenden Nazis auf dem Platz ja eine Erwähnung wert, die immer wieder allein mit den Rufen“Nazis raus“ vertrieben werden. Als einigen der Kragen platzt und dem immer wiederkehrenden Nazi Prügel androhen, geht sofort jemand von Widersetzen erfolgreich dazwischen mit dem Hinweis auf die Gewaltfreiheit. Diese Großdemonstration wurde großartig vorbereitet, die meisten haben gelernt, wie man friedlich demonstriert, aufeinander acht gibt, miteinander zusammensteht, keine*r allein ist – die gelben Warnwesten vereinen alle, und jede Entscheidung bei der Demo wird durch das Deliplenum entschieden. Ja, während der Demo gibt es Plena, zu denen jede Bezugsgruppe eine*n Delegierte*n schickt, Vorschläge zur Bezugi zurückträgt und mit deren Entscheidung wieder ins Plenum zurückkehrt. Basisdemokratie vom Feinsten!

Um 10.00 Uhr zieht die zweite Demonstration vom Bahnhof los. Jetzt sind auch viele ältere dabei, aber auch ausgeschlafene junge Leute und viele Omas gegen rechts aus Bremen und Ulm und Hof und Freiburg (in grünenOma-Westen), Berlin und Dresden. Und diese so unterschiedlichen Menschen haben gemeinsam Spaß, achten und verstehen sich, helfen einander und bedanken sich gegenseitig für das Engagement. „Nazis raus aus Erfurt“ „Scheiß AFD“ rufen alle zusammen.

Der Weg zur Messe ist lang und führt ständig bergan. Kurz vor der Messe mache ich schlapp – hundemüde! – und an mir zieht ein nicht endenwollender Demozug vorbei. Mehrmals werde ich gefragt, ob ich etwas brauche, ob es mir gut geht. Awareness ist selbstverständlich mit unterwegs. Oben gibt es Musik und Reden und Spaß, gute Versorgung, schon im Bus gab es liebevoll belegte Brote, Kuchenstücke, Energieriegel, Wasser, Obst, Regenponchos, Fächer, Ohrstöpsel, Telefonnummern.

Und in der Messe läuft ein Parteitag, zu dem die Delegierten schon um 4 Uhr früh von der Polizei eskortiert in Bussen hingefahren werden mussten. Überhaupt: die Polizei war überall zahlreich vorhanden, martialisch ausgerüstet, zudem mit mehreren Wasserwerfern, Spähpanzer, Hundestaffel hinter der Messe einsatzbereit – doch es gab eigentlich nichts zu tun, außer im Weg zu stehen. Da kann der Polizei-Mensch schon sauer sein über diesen langweiligen Diensttag statt Wochenende. Wir bekamen es am Schluss zu spüren. Die Polizei hatte festgelegt, dass alle, mehr als 250, Busse von Widersetzen an einer Ausfahrtsstraße auf ihre Mitfahrenden warten mussten. Sie standen bergauf bis zum nächsten Ort. Ein Extraspaziergang der besonderen Länge zum guten Schluss. Um Mitternacht in Essen standen Menschen mit Autos bereit, um müde Demorückkehrende nach Hause zu bringen – keine*r wird allein gelassen!

Henny

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