Wer programmiert die Demokratie weg? KI und Faschismus

Wer programmiert die Demokratie weg? KI und Faschismus

Warum sich OMAS GEGEN RECHTS und alle Demokratieverteidiger:innen – mit KI beschäftigen müssen

Wer mehr zum Thema wissen möchte, sollte Rainer Mühlhoffs Buch Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus lesen.

Rainer Mühlhoff ist Professor für Ethik und kritische Theorien der Künstlichen Intelligenz an der Universität Osnabrück. In seinem Buch beschreibt er, wie der KI-Hype im öffentlichen Diskurs – sowohl die Heilsversprechen als auch die apokalyptischen Szenarien – von den realen Schäden ablenkt, die durch KI bereits heute verursacht werden. Außerdem zeigt er, wie die faschistischen Ideologien von Tech-Akteuren demokratische und rechtsstaatliche Institutionen aushöhlen.

Was ist KI eigentlich?

Frühere Formen künstlicher Intelligenz beruhten auf Regeln, Logik und der symbolischen Repräsentation von Wissen.

Moderne generative KI-Technologien nutzen dagegen riesige Mengen an Trainingsdaten und berechnen anhand der darin erkannten statistischen Muster Wahrscheinlichkeiten. Die von ihnen generierten Texte, Bilder oder Audio-Dateien beruhen nicht auf logisch hergeleiteten Wahrheiten, sondern werden auf der Grundlage von Wahrscheinlichkeitsberechnungen „erraten“.

Ein Objekt wird nicht deshalb als solches erkannt, weil es bestimmte definierte Merkmale erfüllt, sondern weil sein Muster statistisch mit ähnlichen Objekten im Trainingsmaterial übereinstimmt. Das Problem dabei ist, dass selbst die Entwickler:innen der KI nicht nachvollziehen können, aufgrund welcher erkannten Muster die KI zu ihren Ergebnissen kommt. Es entsteht eine Blackbox.

Auch beliebte Sprachmodelle wie ChatGPT berechnen letztlich immer nur die Wahrscheinlichkeit für das nächste Wort. Die KI hat kein Bewusstsein, und der Sinn ihrer Worte ist ihr völlig gleichgültig. Dass wir trotzdem häufig das Gefühl haben, mit einem mitfühlenden und intelligenten Wesen zu kommunizieren, liegt am ELIZA-Effekt.

ELIZA war ein in den 1960er-Jahren entwickelter, einfacher Chatbot, der nach einem fest programmierten Skript anhand von Schlüsselwörtern Antworten oder Rückfragen erzeugte. Erkannte das Programm beispielsweise das Wort „Vater“ in der Eingabe eines Nutzers, reagierte es mit: „Erzählen Sie mir mehr über Ihre Familie.“

Obwohl die Mitarbeiter:innen des Entwicklers Joseph Weizenbaum wussten, wie das Programm funktionierte, schlichen sie sich zu Weizenbaums Befremden außerhalb der Arbeitszeit zum Computerterminal, um private Unterhaltungen mit ELIZA zu führen. Sie projizierten menschliche Eigenschaften auf die Maschine.

Dieser Effekt macht KI zu einer idealen Projektionsfläche für kollektive Erwartungen, Ängste und Heilsversprechen und erzeugt die Vorstellung einer KI, die über ein umfassendes, menschenähnliches Denkvermögen verfügt.

Das Märchen von der AGI – und was es kostet

Und hier beginnt die Erzählung von der AGI, der Artificial General Intelligence, also einer künstlichen allgemeinen Intelligenz. Dabei soll es sich um eine dem Menschen weit überlegene Superintelligenz handeln, die sämtliche Probleme lösen kann, ohne dafür eigens trainiert worden zu sein. Die Entwicklung dieser AGI ist das erklärte Ziel aller KI-Unternehmen.

Doch für ihre Entwicklung – sollte sie überhaupt möglich sein – benötigen diese Unternehmen:

  • unfassbar große Finanzmittel,
  • unfassbar große Mengen an Energie und
  • menschliche Intelligenz.
rtificial Intelligence enabling computers to replicate human brain functioning. Machine learning algorithms used to do computational operations based on data pattern recognition, 3D render animation

Um die notwendigen Finanzmittel zu beschaffen, schüren sie unablässig den Hype um einen kurz bevorstehenden Durchbruch bei der Entwicklung der AGI. Zugleich warnen sie selbst vor der Gefährlichkeit ihrer Produkte, die sich angeblich verselbstständigen könnten.

Zur Beschaffung der notwendigen Energie bekämpfen sie aktiv den Klimaschutz und behaupten, die Klimakrise könne einfach durch die AGI gelöst werden, sobald diese entwickelt sei.

Und im Hinblick auf die menschliche Intelligenz setzen sie auf Selektion und Eugenik. Dafür haben sie sich eine Ideologie zurechtgelegt, nach der Menschen je nach ihrer Intelligenz ein unterschiedlicher Wert zugemessen wird – häufig verbunden mit rassistischen Vorstellungen von Intelligenz oder dem Glauben, es gebe einen engen Zusammenhang zwischen Reichtum und Intelligenz.

Die KI-Ideologie: Transhumanismus, Longtermismus – und faschistische Wurzeln

Die von Rainer Mühlhoff in seinem Buch beschriebene KI-Ideologie, der viele superreiche US-amerikanische Tech-Unternehmer anhängen, hat erkennbare gemeinsame Wurzeln mit dem Faschismus.

Sie ist geprägt von dem Überlegenheitsgefühl, die Menschheit auf eine neue evolutionäre Stufe zu führen. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Transhumanismus: die Idee, dass der Mensch mithilfe der AGI seine physischen, biologischen und intellektuellen Grenzen überwindet und in einer neuen, hybriden biologisch-technischen Existenzform aufgeht.

Selbstverständlich werden nicht alle Menschen in den Genuss dieses Evolutionssprungs kommen, sondern nur eine nach ihrer Intelligenz ausgewählte Gruppe.

Der mögliche „Verlust“ der übrigen Menschheit und der enorme Beitrag der KI zur Klimakatastrophe werden moralisch durch den Longtermismus gerechtfertigt. Nach dieser Denkweise seien die Interessen der Menschen in Milliarden von Jahren zu berücksichtigen.

Wer die Entwicklung der AGI verzögert oder verhindert, gefährde die Existenz kosmischer Menschheitspopulationen in einer extrem fernen Zukunft. Außerdem gelte es zu verhindern, dass China als Erstes eine AGI entwickelt. Aus diesem Grund dürfe der Westen keinerlei Investitionen aus ökonomischen, ökologischen oder humanitären Gründen scheuen, um die AGI so schnell wie möglich zu entwickeln.

Mühlhoff definiert Faschismus folgendermaßen:

  • durch antidemokratisches Wirken, also die Zerstörung demokratischer Strukturen,
  • durch Gewaltbereitschaft – auch in sprachlicher, medialer und symbolischer Form – und
  • durch die Nutzung von Technologie als Machtinstrument.

Dass diese Ideologie nicht mit Demokratie und Menschenwürde vereinbar ist, liegt auf der Hand. Und auch den Tech-Milliardären ist bewusst, dass sie die Demokratie „wegprogrammieren“ müssen, um ihre Ziele zu erreichen.

KI als Werkzeug zur Abschaffung der Demokratie – heute, nicht morgen

Leider haben sie mit der bereits heute existierenden KI ein Instrument in der Hand, das sich auf vielfältige Weise zur Abschaffung der Demokratie einsetzen lässt.

👉Schon jetzt sollen Verwaltungen durch KI ersetzt werden. Damit würde Widerstand gegen einen autoritären Umbau innerhalb der Verwaltung erschwert oder ausgeschlossen.

👉KI wird eingesetzt, um Menschen zu sortieren und über Abschiebungen oder Inhaftierungen zu entscheiden.

👉KI eignet sich außerdem zur Massenüberwachung.


👉 KI eignet sich massenhaften Erstellung von Deepfakes und maßgeschneiderter Propaganda.

Die Gefahren der KI liegen also nicht in der Zukunft und auch nicht in apokalyptischen Szenarien einer sich verselbstständigenden Superintelligenz. Sie liegen in der Gegenwart: in der Art und Weise, wie Menschen KI als Werkzeug zur Abschaffung der Demokratie einsetzen.

KI braucht demokratische Regulierung. Gegen eine solche Regulierung wehren sich die Tech-Unternehmen vehement.

Was tun?

Darum sollten sich alle, die die Demokratie erhalten wollen:

  • nicht von dem Märchen überzeugen lassen, dass ein Durchbruch bei der Entwicklung einer künstlichen Superintelligenz unmittelbar bevorsteht,
  • demokratische Regulierung einfordern – gegen die Blockadehaltung der Tech-Konzerne – und
  • sich dem unkritischen Einsatz von KI dort entgegenstellen, wo staatliche Entscheidungen im Namen der „Entbürokratisierung“ durch KI ersetzt werden sollen.