Kaffee und Gespräche in Altenessen

Kaffee und Gespräche in Altenessen

Einmal im Monat bereiten wir einen Kaffeetisch in Essen-Altenessen. Mit Tischdecke, mit Porzellangeschirr, mit heißem Kaffee und Tee, mit selbstgebackenen Keksen und Kuchen. Und mit uns. Wir wollen zuhören, wir wollen wissen, wir wollen reden.

Essen-Altenessen ist ein bunter Stadtteil oder wie man es so gerne ausdrückt: ein Problemstadtteil. Hier wohnt der ärmere Teil der Essener Bevölkerung, hier wohnen Migrant*innen aus aller Herren Länder. Alle Probleme der Gesellschaft finden sich hier und nicht selten prallen sie hier aufeinander.

Heute war wieder Kaffeetafel-Zeit. Wir deckten unseren Tisch und schon bevor wir richtig aufgebaut hatten, saß ein alter Herr am Tisch, der nach einem genuschelten „die braune Scheiße im Osten“ nur in Ruhe einen Kaffee trinken wollte. Das Reden übernahm ein Geschwisterpaar aus dem Altenheim in der Nähe. Sie sagte „AfD würde ich nie wählen, aber wen sonst?“ Und dann redeten beide über die Rente und dass sie nicht reiche für die Pflegekosten, dass sie ihre kleine Wohnung verkaufen mussten und ihnen nur ein Taschengeld bliebe. Und das alles immer noch teurer wird und die Pflege trotzdem schlechter und wo soll das enden?

Auch das junge Paar, das keinen Kaffee will, aber reden: „Wen soll man denn wählen, AfD wollen wir nicht, aber die anderen sind auch nicht viel besser, da wählen wir lieber gar nicht!“ Wenigstens da haben wir eine Antwort: wer gar nicht wählt, stützt die ganz Rechten. Lieber eine Kleinstpartei wählen als gar nicht.

Andere junge Leute kamen nur kurz an den Tisch, um uns zu sagen, wie toll sie unsere Arbeit finden. Das tut gut. Die Generationen müssen doch zusammenhalten im Kampf um unsere kostbare Demokratie! Ein Mann mittleren Alters eilte währenddessen an uns vorbei und zischte „ Ihr seid für das Messer-Gesocks“ um dann, als er weit genug weg war, zu rufen: „Euch sollte man erschießen!“

Ein Mann mit Hund blieb wenigstens stehen, um streitbar seine Ansicht zu vertreten, dass Migranten gefährlich seien.

Die Erzählung der massenhaften Bedrohung durch messerschwingende migrantische Männer hat leider tiefe Wurzeln geschlagen. Die junge Frau am Tisch erzählte, ihre Freundin ginge nicht mehr alleine nach draußen, weil sie Angst habe, abgestochen zu werden. „Das verstehe ich nicht, Auto fahren ist doch viel gefährlicher!“

„Ja, die Migranten, die von unseren Steuergeldern den Führerschein bezahlt bekommen und was nicht alles.“ empörte sich ausgerechnet eine Migrantin. Sie sei ja schon seit 30 Jahren hier und integriert. Die Spaltungserzählung der rechten und konservativen Medien hat gewirkt. Was können wir dem entgegen halten?

Dann war da noch der junge Kurde, der mit Vehemenz kommunistische Thesen vertrat. Die alte Muslimin, die in sehr gebrochenem Deutsch erzählte, dass sie ursprünglich wieder in die Türkei zurück wollte, aber die Kinder seien ja hier und dann bleibt sie eben auch und die sich lächelnd mit Handschlag von uns verabschiedete. Der Bibeltreue, der uns aufbauende Pamphlete in die Hände drückte. Die Frauen, die uns gezielt gesucht haben, weil sie sich auch engagieren wollen. Viele, die im Vorbeigehen zwei, drei Worte mit uns wechselten. Und die ukrainische Russin, die wir überhaupt nicht verstehen konnten, weil sie vehement für Putin stritt und am Ende auch noch meinte, es wäre nicht schlimm, wenn Putins Russland auch noch Deutschland übernehmen würde. Hier wäre die wirtschaftliche Situation so viel schlechter als in Russland. Wie sie darauf käme. Ja, hier in Altenessen hätten doch gerade erst zwei Krankenhäuser schließen müssen, weil kein Geld da ist.

Der Sozialabbau treibt die Leute den Rechten zu. Der Kampf um unsere Demokratie beginnt nicht erst an den Wahlurnen.

Unsere nächste Kaffeetafel in Essen-Altenessen erwartet euch am 16.10.2026 von 10:00 bis 12:00 Uhr vor dem Allee-Center, Altenessener Straße 411, 45329 Essen.

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